Meditation aus Sicht der Tradition und der Forschung

Meditation aus Sicht der Tradition und der ForschungWie Meditation den Geist verändert

Was passiert eigentlich beim Meditieren im Kopf? Worauf sollte ich achten? Woran erkenne ich, ob sich tatsächlich etwas durch Meditation in meinem Geist verändert?

Es ist sinnvoll und hilfreich, sich solche Fragen zu stellen. Schließlich beeinflusst es den Erfolg der eigenen Praxis. Je klarer die Vorstellung davon, was im eigenen Kopf passiert und was passieren kann oder sollte, umso besser lässt sich die eigene Meditation steuern und deren Erfolg beurteilen.

Nun ist der Blick nach innen eine sehr private Sache. Das heißt, niemand kann einem direkt über die Schulter schauen, um das Vorgehen zu kontrollieren und Hilfestellung zu geben. Das verunsichert die einen, während es andere ermutigt, sich buchstäblich in Phantasievorstellungen zu verlieren.

Um diesen Gefahren so gut es geht zu begegnen, schlage ich zwei Dinge vor. Zunächst gilt es, möglichst nah an die ursprünglichen Meditationskonzepte heranzukommen, um zu verstehen, worin genau das Ziel der Meditation liegt und wie es erreicht werden kann. Je klarer das dabei gewonnene Bild, um so besser lässt es sich dann mit aktuellem forschungsbasiertem Wissen zu den geistigen Prozessen vergleichen. Indem man beides übereinanderlegt, wie zwei Folien eines Overheadprojektors, blickt man nun auf die sich abzeichnende, gemeinsame Essenz. Sich an der zu orientieren, ist zwar auch noch kein Garant für perfektes Gelingen, dennoch sorgt sie für deutlich mehr Halt bei der oft unwegsamen Expedition ins eigene Innere.  

 

Wenn Frieden im Geist einkehrt

Die Frage, was Meditation im Geist verändert, lässt sich kurz und knapp beantworten, jedenfalls aus Sicht des Yoga: damit der Geist zur Ruhe kommt. Schließlich liegt hier das eigentliche Ziel, das die Yoga-Sutras gleich zu Beginn ausrufen.

Die Aussicht auf einen durch Meditation beruhigten Geist klingt vor allem für jene verlockend, die nach Entspannung suchen. Doch ist Meditation nur eine besondere Art von Entspannungstechnik? Und ist Meditation wirklich immer nur entspannend? Davon abgesehen, kann unser Geist überhaupt vollständig zur Ruhe kommen?

Ganz zur Ruhe kommt der Geist nie

Ständig neue, aus dem Nichts auftauchende Gedanken, sind sehr viel häufiger als die meisten glauben. Im Kopf von uns allen dreht sich unaufhörlich das Gedankenkarussell. In der Meditation wird einem das nur erstmals richtig bewusst.

Im Alltag taucht etwa alle 20-30 Sek in unserem Kopf ein neuer, spontaner Gedanke auf! Auch in der Meditation dreht sich das Karussell weiter, lediglich etwas verlangsamt. Selbst erfahrenen Meditierenden gelingt es kaum, das Gedankenkarussell zu stoppen. Im Schnitt driften ihre Gedanken etwa alle 1 ½ Minuten ab! All das ist inzwischen durch Forschungsergebnisse gut belegt.

Aus neuro-biologischer Sicht verwundert diese Unbeständigkeit nicht. Schließlich feuern die Neuronen in unserem Kopf – auf deren Aktivität unser Denken ja beruht – hin und wieder ganz zufällig und spontan. Auch das kann buchstäblich einen Gedanken entzünden. So gesehen braucht niemand an seinen Meditationsfähigkeiten zu zweifeln, nur weil immer wieder neue Bewegung im Kopf entsteht. Eine wirklich vollständige Ruhe, im Sinne eines großen Nichts oder einer Leere, gibt es im Kopf erst, wenn wir aufhören zu atmen.

Es ist also nicht nur wichtig zu wissen, warum wir meditieren sollten, sondern auch, was wir dabei erwarten können und was nicht.

Vrittis – Bewegung im Kopf

Bei der Frage, wie Meditation den Geist verändert, sprechen die Yoga-Sutras von „Gedankenwellen“, oder auf Sanskrit vrittis, die zur Ruhe kommen sollen. Dahinter verbirgt sich offensichtlich die Vorstellung geistiger Aktivitäten, die unaufhörlich schwingungsartig kommen und gehen. Doch während die hinduistischen Texte nur vage Auskunft geben, was damit genau gemeint ist, werden die buddhistischen Vorstellungen ausgesprochen deutlich. Außerdem passen sie überraschend gut zum Bild, das die heutige Wissenschaft vom Wesen unseres Geistes zeichnet, immer neue spontane Gedanken inklusive.

Rupert Gethin, Pali- und Buddhismusforscher und aktiver Meditierer, schildert das in einem Vortrag, den man bei Youtube ansehen kann. Gethin erklärt, wie mit einem Blick durchs Mikroskop, was während der Achtsamkeitsmeditation im Geist vor sich geht. Nach Ansicht der alten indischen Geistesforscher „klopfen“ unaufhörlich (!) Sinnesobjekte „an die Tür“ des Geistes. Um Achtsamkeit zu entwickeln, muss man lernen, das Objekt auf der Türschwelle zu erkennen, ohne es jedoch einzulassen bzw. seinen Geist davon Besitz nehmen zu lassen. Achtsamkeit wird gleichsam zum Torwächter. Dank dessen Hilfe bleibt der Geist in Balance, oder eben in „Ruhe“ – auch wenn die spontanen Gedanken nie versiegen und weiter „anklopfen“. Das ist selbst bei einem Buddha (noch) so, sagt Gethin bzw. die alten Texte!

 

Was den geistigen Frieden bedroht

Wer sich für Meditation interessiert, stößt schnell auf die Verheißung großer Zufriedenheit oder immerwährenden Glücks. Damit das tatsächlich eintritt, sollte man auch das Kleingedruckte lesen. Denn auf den ersten Blick verbinden wir das Glücksversprechen nur allzu leicht mit unseren alltäglichen Erfahrungen. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, zu erwarten, dass durch Meditation langgehegte Wüschen in Erfüllung gehen und man fortan von allem Unangenehmen verschont bleibt. Eine solche Vorstellung besitzt zweifellos das Potential, jede Menge Endorphine auszuschütten. Aber von der großen Wunscherfüllung steht leider nichts im Kleingedruckten. 

Für einen Yogi sind Verlangen und Aversion die großen Feinde

Stattdessen fordern sowohl buddhistische als auch hinduistische Texte wie die Yoga-Sutras eine vollständige Beseitigung des Ichs. Vereinzelt liest man gar von der Notwendigkeit, sein Ich „abzutöten“. Besonders glücksverheißend hört sich das nicht an.  Vor allem aber klingt es ziemlich rätselhaft, man könnte sogar sagen weltfremd. Denn wie soll das bitteschön gehen?

Neben dieser Attacke auf unser Ich, warnen uns die Texte vor zwei besonders zerstörerischen Kräften: Verlangen und Aversion. Wenn sie es schaffen, die „Türschwelle zu übertreten“ oder einfach, sich im Geist auszubreiten, beginnt das Leiden! Folglich muss man üben, weder Verlangen noch Aversion in sich ausbreiten zu lassen. Beide kommen im Gepäck der spontanen Gedanken, die unaufhörlich an unseren Geist anklopfen. Indem man sie nicht über die Schwelle lässt, befreit man sich vom Leiden. Darin liegt das Ziel sowohl des Buddhismus als auch des Yoga.

Verlangen und Aversion sind in der Sprache der Psychologie schlicht positive und negative Gefühle. Genauer gesagt handelt es sich um „Affekte“ – die allersten Impulse, die sich ziemlich schnell zu einem inhaltsreichen „Gefühl“ ausbreiten können. Diese Gefühls-Impulse gilt es, in der Meditation sehr aufmerksam zu beobachten und „draußen“ zu lassen. Man spürt Ärger oder ein Wunsch aufsteigen, registriert es, lässt sich aber nicht darauf ein und beobachtet stattdessen, was hier und jetzt als nächstes im Geist auftaucht.

Meditation ist die Auseinandersetzung mit seinem Ich-Reflex

Doch was hat das jetzt mit dem Abtöten des Ichs zu tun? Der Blick auf die Forschung eröffnet hier eine interessante Erklärung. Denn unser Gehirn ist schlichtweg so gemacht, dass jeder Sinneseindruck zuallererst ein hopp oder top Etikett erhält. Diese blitzschnelle Einteilung in „mag ich“ oder „mag ich nicht“, ist keinesfalls das Ergebnis langen Nachdenkens oder alter Vorurteile, sondern geschieht annähernd automatisch.

Für uns entscheidend, ist aber ein weiterer Punkt. Forscher, die im Gehirn nach dem Ursprung des Selbst suchen, sehen in diesem Gefühlsetikett den Kristallisationspunkt des Ichs! Demnach bewertet unser Gehirn jeden Eindruck, der anhaltend mit einem hopp oder top Etikett versehen bleibt, als bedeutsam – bedeutsam für den „Besitzer“ des Gehirns. Als eine Art Adresse dieses Besitzers kreiert das Gehirn ein Ich. Das Ich als ein Sammelbecken, in dem alle vermeintlich bedeutsamen, weil gefühlsgeladenen Eindruck zusammenfließen.

Wenn es gelingt, das hopp oder top Etikett zurückzuweisen oder zu entfernen, bevor sich Eindrücke weiter im Geist ausbreiten, dann sollte auch das Ich verschwinden. Kurz, es sieht so aus, als führt ein achtsames Zurückweisen von Verlangen und Aversion tatsächlich zu einer Befreiung vom Ich. Damit eröffnet sich eine ich-freie Sichtweise auf die Dinge. Man könnte sie auch einfach als neutral bezeichnen und von einem neuen, veränderten Bewusstsein sprechen. Davon wird mein nächster Blockbeitrag handeln …

Meditation erfüllt ihr Versprechen

Sie ist tatsächlich in der Lage, unseren Geist zu verändern. Und diese Veränderung geschieht auf eine Art, die sowohl den Grundgedanken der alten indischen Geistesforscher gerecht wird, als auch den Erkenntnissen der heutigen Wissenschaft.

Aber diese Veränderung ist unter Umständen eine, die wir zunächst nicht erwartet hatten. Denn die in Aussicht gestellte große Zufriedenheit tritt erst dann ein, wenn wir all das aufgeben, was uns bisher Zufriedenheit schenkte. Um das zu erreichen ist es erforderlich, achtsam den Ich-Reflex zu beobachten und ihn gegebenenfalls am Ausbreiten zu hindern.

 

Wer tiefer eintauchen möchte:

 

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