Warum Feldenkrais magische Wirkung besitzt

Warum bei Feldenkrais weniger mehr istFeldenkrais und seine magische Wirkung

Vielleicht hast du auch schon einmal gehört, dass Leute, die über Feldenkrais sprechen, von einer magischen Wirkung berichten? Sie erzählen mit leuchtenden Augen, wie es in ihrem Körper ohne jede Anstrengung zu verblüffenden Veränderungen gekommen sei. Wie durch einen Zaubertrick seien Schmerzen verschwunden oder neue, ungeahnte Bewegungsmöglichkeiten entstanden. Magie eben.

Natürlich ist das keine Zauberei. Und ganz so einfach ist es auch nicht. Aber die Feldenkrais-Methode besitzt eine ganz eigene Strategie, die in der Tat bemerkenswerte Veränderungen bewirken kann – Veränderungen im eigenen Körper, vielleicht sogar in der Persönlichkeit. Dafür ist es wichtig, die wesentlichen Elemente dieses Vorgehens gut zu verstehen. Es genügt nicht, im Liegen den Kopf etwas hin und her zu rollen, um dem Kopf zu mehr Beweglichkeit zu verhelfen.

 

Wie wirkt Feldenkrais

Weil es auf den ersten Blick wie eine seltsame Form der Gymnastik aussieht, gehen die meisten auch so an die Sache heran. Getreu dem Motto „je härter, desto besser“ mühen sie sich ab.

Um die Anstrengung schnell hinter sich zu bringen, schicken sie ihre Gedanken in den Urlaub.

Beides ist jedoch genau das Gegenteil von Feldenkrais. Deshalb lautet ein Feldenkrais Mantra, das bei jeder Stunde unzählige Male aus dem Mund der Lehrerin oder des Lehrers ertönt: mach‘ es langsamer, kleiner, mit weniger Anstrengung! Das zweite Mantra lautet schlicht: spüre! Es ist wahrscheinlich noch häufiger zu hören als das erste.

Kaum jemand dürfte sich bei seiner ersten Feldenkrais Stunde nicht gefragt haben: Wie um Himmels Willen sollen diese Bewegungen etwas bewirken?!

Zauberformel

Die Antwort lautet knapp und präzise: weil die empfundene Reizintensität proportional zum Logarithmus der Intensität des physikalischen Reizes ausfällt. Oder noch kürzer: E = c log (R/R0).

Alles klar? Wahrscheinlich nicht. Deswegen nochmal etwas alltagstauglicher. Das Weber-Fechner-Gesetz, um das es sich hier handelt, beschreibt eine recht grundlegende, seit über hundert Jahren bekannte Eigenschaft unseres Nervensystems. Veränderungen bei weniger intensiven Sinnesreizen werden eher wahrgenommen. Das gilt für Hautberührungen ebenso wie für Helligkeits- oder Gewichtsveränderungen.

Stell‘ dir vor, du hebst mit geschlossenen Augen mehrmals einen Wassereimer an, um zu entscheiden, ob oder wann sich am Gewicht etwas ändert. Ist der Eimer, den du hebst, zunächst leer, wirst du wahrscheinlich schnell spüren, wenn jemand still und heimlich einen Apfel hineinlegt. Wenn dein Eimer jedoch fast zur Gänze mit Wasser angefüllt ist, und dann jemand einen Apfel dazu gibt, ändert sich die Sache. Nun dürfte es für dich viel schwieriger werden zu entscheiden, ob oder wann sich das Gewicht erhöht!

Wohl gemerkt, das hinzukommende Gewicht und der dadurch entstehende Unterschied ist in beiden Fällen gleich. Aber die Wahrnehmung der Veränderung gelingt sehr viel besser, wenn die Reizintensität der Ausgangslage sehr klein ist. Nichts anderes beschreibt das Weber-Fechner-Gesetz.

Feldenkrais ist keine Gymnastik

Genau das ist das Ziel von Feldenkrais: Veränderungen und Unterschiede wahrnehmen. Unser Nervensystem sucht sich dann ganz von allein die leichteste oder technisch gesprochen, die effizienteste Lösung aus. Schließlich ist Sparsamkeit gleichsam durch die Evolution in unser Nervensystem einprogrammiert.

Doch im Rauschen des Alltags gehen viele, eher subtile Körpersignale schlichtweg unter. Auch die bloße Gewohnheit führt zu immer gleichen Bewegungsmustern. In beiden Fällen geht die „Weisheit“ des Nervensystems – seine Fähigkeit zur Selbstorganisation – verloren. So entstehen Verspannungen und Fehlhaltungen noch bevor sich die betroffene Person dessen bewusst ist.

Konsequenterweise setzt Feldenkrais genau an dieser Stelle an. Bewusst wahrzunehmen – zu spüren – was im Körper passiert. Und zwar rechtzeitig! Aber der Weg zu mehr Bewusstheit führt nicht über Belehrungen und das Trainieren einer perfekten Bewegung. Stattdessen will uns Feldenkrais befähigen, leichte, effiziente Bewegungen aus uns selbst zu entwickeln. Spätestens jetzt wird klar: Feldenkrais ist keine Gymnastik.

Feldenkrais-Strategie

Um diesen Befähigungsprozess zu ermöglichen, machte Moshé Feldenkrais das Weber-Fechner-Gesetz zum Grundprinzip seiner Arbeit. Er erkannte, dass man die Anstrengung und Intensität seiner Bewegungen reduzieren muss, um Veränderungen und überflüssige Anstrengung klarer wahrzunehmen. Doch kleine, langsame Bewegungen bewirken genau genommen noch gar nichts. Was wir, oder besser, unser Nervensystem braucht, sind Veränderungen und damit Vergleichs- und Auswahlmöglichkeiten.

Deswegen fordert ein Feldenkrais Lehrer oder Lehrerin nicht nur dazu auf, eine bestimmte, sehr klar umrissene Bewegung (z.B. in der Rückenlage den Kopf hin und her rollen) mehrmals, langsam und ohne Anstrengung zu wiederholen. Zusätzlich schlägt er/sie Variationen vor (z.B. während des Kopfrollens die Augen gezielt zu bewegen). Außerdem gibt es immer wieder Pausen. Die dienen jedoch weniger der Erholung (wovon auch), sondern mehr dem Nachspüren. All das trägt dazu bei, dass das Nervensystem seine „Weisheit“ entfaltet, also für Leichtigkeit sorgt.

Zusätzlich gefördert wird die angestrebte Bewusstheit durch ein weiteres Element der Feldenkrais-Strategie, nämlich die verbale Anleitung. Oder anders gesagt, bei Feldenkrais fehlt der „Vorturner“. Weil die Bewegungsanleitung nur mit Worten erfolgt, sind die Teilnehmer darauf angewiesen, sich auf ihre eigene Wahrnehmung einzulassen.

Deswegen: Wer robotergleich eine bestimmte Bewegung x-mal wiederholt, verschwendet lediglich seine Zeit. Ebenso derjenige, der dabei in Gedanken auf Urlaubsreise geht, wofür sich mechanische Wiederholungen besonders gut eignen. 

 

Die Sache mit der Leichtigkeit

Feldenkrais? Das sind doch diese leichten Bewegungen mit jeder Menge Spaß!

So reagierte einmal eine Bekannte, als ich ihr erzählte, womit ich mich beschäftige. In der Tat sind Leichtigkeit und Spaß zwei Begriffe, die besonders häufig mit Feldenkrais in Verbindung gebracht werden. Natürlich spielen sie eine Rolle. Aber Feldenkrais auf Leichtigkeit und Spaß zu reduzieren, könnte den Zug auf ein falsches Gleis setzen. Wer in jeder Hinsicht nur Leichtigkeit erwartet, dürfte vor den Hürden zurückschrecken, die Feldenkrais durchaus bereithält.

Wie merkt man das, was man nicht merkt?

Vom Meister Moshé selbst stammt das Bonmot: Wenn man weiß was man tut, kann man tun was man will. Also möchte uns Feldenkrais in die Lage versetzen, das zu tun, was wir wirklich wollen. Und dafür ist die Voraussetzung, zu wissen, was man tut.

Klingt irgendwie kryptisch. Oder wie ein zen-buddhistisches Koan. Ist es denn nicht selbstverständlich, dass man weiß was man tut?

Offensichtlich nicht! Jedenfalls war das Moshés eigene, leidvolle Erfahrung. Als er erkannte, dass der Grund seiner Knieschmerzen in falschen, oder besser „unsachgemäßen“ Bewegungen lag, glaubte er zu „wissen“, was zu tun sein. Doch er musste erkennen, dass dieses Wissen nicht ausreichte, um seine Bewegungen zu verändern. Erst als er sich selbst dazu brachte, sehr genau zu spüren, was er wirklich tat und welche Alternativen bestanden, konnte das tun, was er wollte. Die Knieschmerzen verschwanden, und seine Methode war geboren …    

Zurück zum Feldenkrais-Koan. Es besagt ja indirekt, dass wir zunächst nicht wissen, was wir tun! Sich das einzugestehen, oder wenigstens in Erwägung zu ziehen, ist alles andere als leicht! Und selbst wenn der gute Wille vorhanden ist, genügt das nicht. Oft sind es Gewohnheiten, die uns vermeintliche Leichtigkeit vorgaukeln.

Nicht selten gehen Menschen leicht vorgebeugt durchs Leben oder ziehen dauerhaft ihre Schulten hoch. Mit verspannten Rücken oder Nacken kommen sie dann zum Feldenkrais. Wenn sie am Ende einer Stunde erstmals vollkommen ausbalanciert dastehen, rufen sie erschrocken: „Hilfe, ich falle nach vorn!“ oder: „Meine Schultern sind plötzlich so schwer!“ Wohl gemerkt, sie stehen objektiv betrachtet gerade bzw. mit lockeren Schultern. 

Eines dürften solche Erfahrungen bei diesen Menschen mit Sicherheit bewirken: sie werden in Zukunft eher bereit sein, ihre Körperwahrnehmung auch mal in Frage zu stellen und zu überprüfen. Aber was ist mit all den anderen? Mit denen, die nicht merken, dass sie nichts merken.

Zugang zur Leichtigkeit ist schwer

Sich auf die eigene Wahrnehmung zu verlassen, ist für viele eine wirklich mächtige Hürde. Wenn sie in der Feldenkrais Stunde nur mit Worten angeleitet werden, rufen sie innerlich ständig: „Mach‘ ich das richtig?“ Sie müssen also erst einmal lernen, für sich selbst zu entscheiden.

Eine weitere Hürde ist die Sache mit den kleinen Bewegungen. Irgendwo haben wir alle gelernt, ab und zu die Zähne zusammenzubeißen, uns anzustrengen, um etwas zu erreichen. Dass das zumindest bei Feldenkrais nicht gilt, ist eine weitere, schwierige Lektion.

Die nächste Hürde lauert bei den Variationen, die wir auf Vorschlag des Lehrers probieren sollen. Früher oder später gelangen wir da an einen Punkt, wo uns unsere Gewohnheiten im Weg stehen! Oder anders gesagt: wollen wir uns weiterentwickeln, müssen wir bereit sein, Gewohnheiten aufzugeben! Zweifellos keine leichte Aufgabe!

Schließlich wollen wir all das auch noch in den Alltag übertragen. Passiert das wirklich ganz von selbst, wie manche behaupten? Mag sein. Doch Gewohnheiten sind mächtig! Dazu kommen all die Ablenkungen. Ich sage nicht, dass wir uns angesichts dessen vornehmen müssen, im Alltag eine bestimmte Körperhaltung beizubehalten. Aber ich glaube, dass wir uns vornehmen müssen, wirklich zu spüren, was wir tun. Am Schreibtisch, in der Küche, an der Bushaltestelle – immer wieder sollten wir uns fragen, wie sich unsere Haltung gerade anfühlt. Diesen Schalter müssen wir bisweilen wirklich aktiv umlegen. Kurz, es bedarf der Motivation.

Der Rest passiert dann wieder von selbst. Die „Weisheit“ unseres Systems kann sich entfalten. Auf den ersten Blick mag das wie Magie erscheinen.

 

Feldenkrais für alle

Eigentlich sollte jeder feldenkraisen. Eigentlich. Denn obwohl diese Art der Beschäftigung mit dem eigenen Körper so viel zu bieten hat, finden bei weitem nicht alle den Zugang zu ihr. Die Hürden, von denen es ja mehrere gibt, sind für viele einfach zu hoch. Damit müssen wir, die wir gerne von der Magie dieser Methode schwärmen, uns wohl abfinden. Vielleicht wäre es hilfreich, würden wir nicht ganz so viel von Leichtigkeit und Magie sprechen, sondern auch von den Hürden.

Feldenkrais unterrichten

Obwohl Feldenkrais so leicht und easy daherkommt, steckt eine Menge dahinter. Die Feldenkrais-Methode besitzt ihre ganz eigenen Strategien und baut auf sehr subtilen Mechanismen auf (Stichwort Weber-Fechner). Das erfordert eine Menge an Wissen und Erfahrung seitens derer, die unterrichten.

Feldenkrais Lehrer/innen müssen die Bewegungen, die sie den Schülern vorschlagen, nicht nur körperlich miterleben, sondern auch Alternativen parat haben. Und das alles sollte obendrein in klare, präzise und nachvollziehbare Worte gefasst werden. Erst mit dieser Grundlage kann man andere Menschen in deren Bewegungen so anleiten, dass sie für sich neue Möglichkeiten entdecken und ihr Körperbewusstsein schärfen. Nicht umsonst dauert eine Feldenkrais Ausbildung ca. 180 Tage und erstreckt sich meist über vier Jahre. Zum Vergleich: Yogalehrer wird man in vier Wochen!

Nutella, die bekannte Schokocreme, fragte einst ihre Kunden: Hast du’s drauf? Ganz ähnlich sollten Feldenkrais-Interessierte jenen begegnen, die vorgeben, Feldenkrais zu lehren. Einfach nur die beiden Feldenkrais Mantras zu wiederholen, ist nicht genug.

Nur wo Feldenkrais draufsteht ist auch Feldenkrais drin! Wer Feldenkrais ohne entsprechende Ausbildung unterrichtet, verhält sich zunächst einmal unfair gegenüber jenen, die für ihre Ausbildung einen Haufen Geld investiert haben. Noch gravierender ist jedoch, dass ihnen jenes breite Spektrum an Strategien und Erfahrungen abgeht, das Feldenkrais letztlich auszeichnet. Da steht dann zwar Feldenkrais drauf, ist aber nicht drin.

Natürlich sollten auch wir Feldenkrais-Lehrer/innen selbst aufpassen, womit wir unsere Methode verbinden oder in welchem Kontext wir sie präsentieren.

Yoga und Feldenkrais

Wenn ich selbst Yoga und Feldenkrais miteinander verbinde, ist das nicht ganz unproblematisch! Yoga beinhaltet Dehnung und Anstrengung, für Feldenkrais ist beides ein No-Go. Das muss man wissen, klar trennen und ebenso klar kommunizieren.

Konkret bedeutet das, dass ich Elemente der Feldenkrais-Strategie benutze, um auf eine bestimmte Yogastellung vorzubereiten. Wer sich beispielsweise vor dem Schulterstand eine Zeitlang auf die Feldenkrais Art mit seinen Schultern oder Nacken beschäftigt, kann sich anschließend viel besser selbst organisieren. Sie oder er weiß dann, was zu tun ist, um sicher und ohne Überforderung im Schulterstand zu verweilen.

Mit dem Verweilen beginnt der Yoga Part. Das heißt, nun treten Dehnung und Anstrengung auf. Die Feldenkrais-Strategie kann helfen, das richtige Maß der Anstrengung zu finden. Aber letztlich gilt es ruhig zu verweilen. Das ist Yoga.

Jedenfalls fast. Denn es gehört noch ein weiterer, wichtiger Baustein dazu, nämlich ein konzentrierter, ruhig nach innen gerichteter Geist. Wer mit der Feldenkrais-Strategie vertraut ist, dem fällt all das leicht. Ja mehr noch, es gehört selbstverständlich dazu nach innen zu blicken, in diese oder jene Körperregion zu spüren. Man kann das auch als eine Form der Achtsamkeit bezeichnen.

So gesehen, ist Feldenkrais – oder besser: die Feldenkrais-Strategie – eine ideale Ergänzung zum Yoga, oder genauer zum Hatha-Yoga. Ich bemühe mich immer, deutlich zu machen, was bei meinen Anleitungen Feldenkrais ist und was Yoga. Ob mir das letztlich gelingt, weiß ich nicht …    

Feldenkrais und Yoga

Feldenkrais mit Yoga zu verbinden, halte ich dagegen für unpassend. Als Methode zeichnet sich Feldenkrais eben durch seine typischen Strategien und subtilen Mechanismen aus. Werden sie mit anderen Elementen wie Yoga vermischt, geht die „Magie“ verloren. Wo Feldenkrais draufsteht, sollte auch nur Feldenkrais drin sein. Und das erwarten jene auch, die zu Feldenkrais kommen.

 

Alles in allem besitzt Feldenkrais ein einzigartiges Potential, uns zu mehr Beweglichkeit zu verhelfen, körperlich und vielleicht auch geistig. In diesem Blog Beitrag geht es nur um ersteres. Im nächsten werde ich mich mit den Aspekten der Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen.

 

Wer tiefer eintauchen möchte:

Vor einigen Jahren gelang es Stanislas Dehaene, die zugrundeliegenden neuronalen Schaltkreise zu identifizieren und damit die Annahmen von Weber und Fechner zu bestätigen. Wer es genau wissen will findet den Artikel hier.

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